Teilzeit oder Vollzeit, was macht zufriedener? Die Antwort ist nicht dieselbe für Väter und Mütter

In einer Untersuchung mit den Daten der Studie “Leben in der Schweiz“ zeigen Caroline Henchoz und Boris Wernli, dass Mütter in Teilzeit gegenüber Müttern in Vollzeit zufriedener sind mit ihrem Leben und ihren persönlichen Beziehungen. Für die Väter verhält es sich genau umgekehrt. Wie sieht es in anderen Lebensbereichen aus und wie kann man diese Unterschiede erklären?

Traditionellerweise arbeiten Väter in der Schweiz Vollzeit und sind damit häufig Haupternährer der Familie. Mütter ziehen sich hingegen oftmals aus dem Arbeitsmarkt zurück, um sich voll und ganz der Haus- und Familienarbeit zu widmen oder sie sind in Teilzeitarbeit beschäftigt.

Wiederspiegeln sich diese traditionellen Rollenmuster auch in der Zufriedenheit der Väter und Mütter? Ja sagen die Autoren: Wer sich entsprechend der vorherrschenden Geschlechterrollen verhält, ist am zufriedensten. Demnach weisen Vollzeit erwerbstätige Väter und Teilzeit erwerbstätige Mütter zwischen 25 und 50 Jahren die höchste Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt sowie mit den persönlichen Beziehungen auf.

Dieses Resultat erstaunt, wenn man bedenkt, dass Väter aufgrund Ihrer Vollzeiterwerbstätigkeit zeitlich stark eingebunden sind und Teilzeit erwerbstätige Mütter besonders von der Doppelbelastung durch Erwerbs- und Familienarbeit betroffen sind. Zudem haben letztere oftmals schlechtere Arbeitsbedingungen als die Väter: Sie sind für ihre Tätigkeiten häufiger überqualifiziert, werden schlechter bezahlt und erfahren weniger soziale Wertschätzung. 

Die Autoren erklären die Resultate einerseits damit, dass sich Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm in einer geringeren Lebenszufriedenheit widerspiegeln. Andererseits haben Mütter in Teilzeit und Väter in Vollzeit die höchste Zufriedenheit mit den persönlichen Beziehungen, weil Männer aufgrund ihrer höheren Erwerbsbeteiligung vor allem Beziehungen im beruflichen Leben pflegen, während Frauen wegen ihrer stärkeren Beteiligung an der Familienarbeit mehr Kontakte im privaten Bereich und der Familie haben. Die hohe Zufriedenheit mit den persönlichen Beziehungen der Vollzeit erwerbstätigen Väter und Teilzeit erwerbstätigen Mütter hat ihren Ursprung folglich in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Trotz zum Teil negativer Auswirkungen der Teilzeitarbeit weist sie sowohl für die Mütter als auch für die Väter eine Reihe von Vorteilen auf. Im Vergleich mit Vollzeit erwerbstätigen Eltern haben sie weniger Konflikte, um Erwerbs- und Familienleben zu vereinbaren, fühlen sich weniger erschöpft nach der Arbeit und können besser abschalten. Zudem sind sie zufriedener mit dem Umfang der Freizeit, sind häufiger in Vereinen aktiv und leisten mehr Freiwilligenarbeit.

Ein Leben in traditionellen Rollenmustern lohnt sich daher nur bedingt. Würden über alle Berufsgruppen hinweg Männer häufiger Teilzeit arbeiten und Frauen vermehrt Vollzeit, würde das dazu führen, dass sich auch die gesellschaftlichen Rollenmuster mit der Zeit verändern. Damit würde auch der Einfluss dieser Rollenmuster auf die Zufriedenheit und die Lebensqualität zurückgehen.

>>Caroline Henchoz ist Lehr- und Forschungsbeauftragte an der Universität Fribourg im Studienbereich Gesellschafts-, Kultur- und Religionswissenschaften.

>>Boris Wernli ist Leiter der Abteilung für Survey-Forschung bei FORS, dem Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften und Professor an der Universität Lausanne.

Quelle: Caroline Henchoz und Boris Wernli (2016). Le temps partiel, un "ami" qui vous veut du bien? Les effets du temps partiel sur différentes dimensions de la vie quotidienne. In: Le partage d'emploi - Job sharing. Hrsg. Irenka Krone-Germann und Alain Max Guénette. L’Harmattan.

Die Studie “Leben in der Schweiz” (www.swisspanel.ch) ist eine Längsschnittstudie, die zum Ziel hat, den sozialen Wandel und Veränderungen der Lebensbedingungen in der Schweiz zu beobachten. Rund 12‘000 Personen werden seit 1999 jährlich zu einer Vielzahl an Themen befragt: Familien- und Erwerbsarbeit, Einkommen und Lebensbedingungen, Freizeit, Gesundheit, persönliche Beziehungen, Einstellungen, Politik, etc. „Leben in der Schweiz“ wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert und von FORS, dem Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften, an der Universität Lausanne durchgeführt.

>>Fragen zum Inhalt der Untersuchung: Dr. Caroline Henchoz, : ++41 (0)26 300 82 10, caroline.henchoz@unifr.ch

>>Fragen zur Studie "Leben in der Schweiz": Prof. Boris Wernli, ++41 (0)79 674 88 84, boris.wernli@fors.unil.ch


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Veröffentlicht
09:46:54 07.09.2017